Panik, Empfindsamkeit – und Resilienz?

Newsletter  |  September 2022

Wenn man offen bleibt für das, was auf allen Kanälen täglich an verunsichernden Nachrichten gesendet wird, kann man – je nach dem, wie man gerade drauf ist – schon verzweifeln. Wenn man dann auch noch hochrechnet, was das alles für die nächste Zukunft bedeuten könnte, kann man schnell ins Panikfeld katapultiert werden.

Manch eine und manch einer findet dann auch nachts keine Ruhe, denn die Panik erfasst alles und zieht es in ihren Strudel. Selbst in die Träume kann sie tief eindringen, wenn man irgendwann doch mal schläft.

Wie soll man mit all dem umgehen? Einfach mehr weggucken? Die eigene Empfindsamkeit verfluchen? Sich selbst härter machen, weniger berührbar sein? Diejenigen „an die Wand nageln“, die die „Schuld“ an allem tragen?

 

Der Tunnel der Panik

Das Schlimmste ist vielleicht: Diese Panik hat gute Gründe und ist keine abwegige Reaktion. Leider ist sie auf Dauer auch noch ungesund.

Auch wenn die Aussichten nicht rosig sind: Ohne eigenen Einsatz wird die Panik nicht verschwinden. Von selbst verschwindet sie ohnehin nicht. Das ist nur durch Perspektivenwechsel möglich.

Gut, wenn man bewusst wahrnimmt, dass man in Panik ist. Und sich nicht im Opfermodus verliert, sondern sich bewusst wieder dem Leben zuwendet.

Das gilt vor allem für Menschen, die führen und für andere wichtig sind.

Es passiert einfach

Es passiert einfach, und es ist unerbittlich

In den Ereignisfeldern, die derzeit Panik begünstigen, können wir uns vielleicht als Opfer fühlen. Aber damit machen wir uns hilflos.

Wenn bei uns die Panik zuschlägt, knallen alle Sicherungen durch. Die Panik wirkt ganzkörperlich: Wir werden starr, bekommen weiche Knie, innerlich zieht sich alles zusammen. Wie Ertrinkende sind wir von Panik umklammert. Wir strampeln vielleicht und schlagen um uns, aber bewegen können wir uns nicht.

Sofort entsteht auch Zeitdruck, denn eigentlich müsste jetzt auf der Stelle alles ganz anders sein. Wir wären bereit, dafür alles zu tun, aber wie denn?

Ein Nerv ist getroffen

Wer ins Panikfeld katapultiert ist, braucht Erste Hilfe. Als erstes muss man wieder Zugang zu Vertrauen und vielleicht auch Mut bekommen. Menschen, die sich gut innerlich managen können, sind oft in der Lage, sich irgendwann selbst zu beruhigen. Aber auch ihnen, so wie allen anderen auch, tut menschlicher Beistand gut.

Die englische Kommunikationsidee aus dem Zweiten Weltkrieg, „keep calm and carry on“, trägt schon viel Tiefe und Weisheit in sich: „atme weiter, bleib in Bewegung, geh deinen Weg!“ Das richtet sich so an die Menschen, dass man ihnen etwas zutraut: froh zu sein, dass sie da sind, froh zu sein, dass die anderen auch da sind, und Verantwortung für sich selbst und andere zu tragen.

Alles beginnt damit, dass spürbar ein Nerv getroffen ist. Damit ist Empfindsamkeit im Spiel.‌

Vorsicht Lebensgefahr
Empfindsamkeit 1
Empfindsamkeit 2

Empfindsamkeit ist eine starke Herausforderung

Empfindsamkeit ist etwas ganz Wunderbares. Sie ist ein Gut, das Sorgfalt und Pflege braucht, um lebensorientiert zu sein. Manchmal führt sie auch an Grenzen, und das kann zu viel werden.

Erkenntnis #1: Empfindsamkeit ist eine unschätzbare Fähigkeit, weil man durch Spüren Zugang bekommt und erreichbar ist.

 

Empfindsamkeit ist nicht zu verwechseln mit der Tendenz, sich kränken oder beleidigen zu lassen. Panik ist zwar eine Zumutung, aber man kann sie sich auch zumuten. Man muss wieder beweglich werden, ohne Angst und Furcht zu leugnen. Panik blockiert, Beweglichkeit hilft dabei, wieder durchlässig zu werden.

Erkenntnis #2: Mit Empfindsamkeit so umgehen, dass man durchlässig wird.

 

Ein Panikzustand ruft danach, wieder die Verbindung zu allem zu finden, was Sicherheit, Zentrierung, Aufgehoben-Sein und Gesehen-Werden gibt. Es geht darum, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen – spürbar, stabil und zuverlässig.

Erkenntnis #3: Empfindsamkeit ist ein Anknüpfungspunkt für Miteinander.

Empfindsamkeit fördert Intuition und Kreativität. Etwas spüren zu können, macht „hellhörig“ für innere und äußere Prozesse, für Wohlwollen, für Förderliches, für Inspirierendes, für Nicht-Lineares – für alles, was den Lösungshorizont erweitert.

Erkenntnis #4: Empfindsamkeit macht prozessfähig.

Je empfindsamer man ist, desto mehr spürt man auch im Panikzustand: Angst, Bedrohung, Alleinsein, Ausweglosigkeit. Das ist eine Herausforderung.

Wer in Panik ist, muss sich dafür entscheiden, wieder vertrauen zu wollen. Keep calm and carry on: Davon verschwindet die Bedrohung nicht, aber man kann sich ihr stellen.

Erkenntnis #5: Empfindsamkeit braucht Mut.

 

 

Resilienz schafft Zugang zu Ungewöhnlichem

Man kann den oben skizzierten Weg Resilienz nennen.

Resilienz heißt zu lernen, mit dem Geschehen und der eigenen Empfindsamkeit so umzugehen, dass innere Ruhe oder sogar innerer Frieden immer wieder möglich werden.

Resilienz ist ein dynamischer Prozess und kein statischer Zustand. Jede Herausforderung ist anders, und Empfinden ist individuell unterschiedlich. Sich darauf immer wieder neu einzustellen, baut Resilienz auf.

Man kann das lernen. Wer andere führen will, muss es lernen. Nur durch die Offenheit auch für unmöglich Erscheinendes lassen sich Wege aus einer Bedrohung finden. Und nur dadurch lädt man die eigene Panik nicht anderen auf, sondern kann andere sogar unterstützen.

Resilienz braucht eine wohlwollende Sicht, und für die muss man sich entscheiden. Sofort. Daraus wächst der Mut, das Beste auch in dem anzunehmen, das zunächst Panik auslöst.

Resilienz macht Unmögliches möglich

Wegbeschreibung für das Selbst-Coaching: Resilienz = mit der eigenen Empfindsamkeit sorgsam umgehen