Das ‚Wir‘ lebendig machen

„Eigentlich läuft es bei uns sehr gut. Aber trotzdem gibt es viel Unzufriedenheit, und es wird viel gejammert und geklagt. Ständig gibt es Beschwerden, viele fühlen sich überlastet. Motivation ist ein Problem, die Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter auch. Es gibt so eine Spaltung in ‘die da oben und wir da unten‘. Im Flurfunk werden die unglaublichsten Gerüchte verbreitet. Uns fehlt ein ‚WIR‘, das alle einschließt und mit dem sich alle gemeint fühlen. Das würde uns gut tun und das Zusammenarbeiten zwischen den Abteilungen verbessern.“

(Chefin kommunale Verwaltung)

Für einen Moment zu sehen: das WIR

Ein WIR? bei uns?

Was macht ein solches WIR aus, oder woran merkt man, dass es existiert? Daran, wie weit man den folgenden fünf Statements zustimmen kann und möchte:

  • Ja, es gibt uns als ein WIR, und für mich ist es gut, dazu zu gehören.
  • Ja, es gibt hier vieles, das mich unterstützt. Und viele, auf die ich mich verlassen kann.
  • Ja, auch für die anderen ist es gut, dass ich dabei bin.
  • Ja, hier gibt es auch Konflikte und Spannungen, aber wir können damit umgehen und etwas daraus machen.
  • Ja, wir machen hier einen guten Job. Und wer bei uns Kunde ist, ist in den besten Händen.

Für die einen so, für die anderen anders

Das WIR wird individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen, und woran will man es festmachen? Diese Befragung zeigt zu Beginn ein gutes Bild des Ist-Zustandes. Die einen fühlen sich gut eingebettet, andere überhaupt nicht. Manche wollen „denen da oben“ mit ihren Antworten mal sagen, was Sache ist, und andere beteiligen sich erst gar nicht.

Die große Angst: Wenn die Nähe kommt, verliere ich

Eine große Herausforderung: die Führenden fürchten, etwas zu verlieren, wenn sie sich den anderen zuwenden. Und diese anderen, die Geführten, kämpfen dafür, etwas zu gewinnen. Was zu Beginn noch nicht gesehen werden kann: das eine muss nicht auf Kosten des anderen gehen, sondern es gibt für alle dabei etwas zu gewinnen.

Die Größe haben, den Weg zu gehen

Der Weg ist ein längerer Prozess in mehreren Etappen, auf dem sich die Unternehmenskultur oft unmerklich verändert. Im Nachhinein sieht es dann oft aus, als wäre es nie anders gewesen. Es hat sich bewährt, mit drei Gruppierungen zu arbeiten:

  • Ein Kreis von Führungspersonen
  • Ein Kreis von Freiwilligen (Pionieren) aus der Mitarbeiterschaft
  • Das Plenum (die ganze Belegschaft)

Es gibt eine Warm-up-Phase, in der die ersten beiden Gruppen mehrmals tagen, Inhalte sammeln, Kommunikation und transparente Strukturen aufbauen, Konflikte bearbeiten, sich engagieren und zu einem ersten WIR zusammenwachsen.

Aus den Ergebnissen entsteht die Vorbereitung eines großen Events im Plenum, in dem alles zusammengeführt wird. Darauf folgt die Follow-up- Phase, in der die Erlebnisse und Erkenntnisse in die Praxis und in den Alltag umgesetzt werden: Was wird gebraucht, um den obigen Statements immer mehr zustimmen zu können? Auch hier arbeiten wieder mehrere Gruppen parallel.

Überraschung: im Kleinen liegt die Kraft

Die große Überraschung für viele Beteiligte: Das WIR müssen nicht die anderen „machen“, damit es MIR besser geht. Nein, das WIR entsteht daraus, Schritt für Schritt die eigene Wahrnehmung zu verändern, neue Sichtweisen zu entwickeln und sich selbst für ein positives WIR zu engagieren.

Die Follow-up-Phase ist also die, in der sich entscheidet, wie es laufen wird. Im besten Fall geht sie nach und nach in den ganz normalen Alltag über. Neues wird dann zum neuen „Normal“, und irgendwann bemerkt man kaum noch, dass es einfach gut läuft.