Unlust: ein Weckruf für Souveränität?!

Newsletter  |  September 2026

Für ein Team und eine Organisation kann es wie eine Vollbremsung wirken, wenn so etwas passiert: Eine wichtige Führungsperson landet im Unlust-Modus. Und zwar nicht nur kurz mal zwischendurch, sondern massiv. Ein bis dahin verlässlicher Fels in der Brandung rutscht ab, und plötzlich ist da nichts mehr.

Auf das Team und die Organisation wirkt es so, als würde plötzlich ein helles Licht ausgeknipst - und zwar dauerhaft.

Vielleicht stecken sich sogar andere an: "Wenn die oder der das macht, mache ich es auch, ich habe sowieso schon lange keine Lust mehr."

Obwohl er auch ins ganze Feld hineinwirkt, ist dieser Unlust-Modus ein sehr persönliches "Ding", denn die Energie kommt aus der Kraft und den Handlungsmöglichkeiten eines einzelnen Akteurs.

Unlust: ein Weckruf für Souveränität!?

Ist diese Unlust vielleicht ein Weckruf für etwas individuell Wichtiges, das sonst keine Aufmerksamkeit bekommt? Vielleicht kommt es sogar aus einem Gefühl von Verantwortung, das den eigenen Aktivitäten einen anderen Spin geben will? Obwohl es scheinbar nur das Gegenteil tut.

Es lohnt sich, den Weckruf-Weg zu testen, denn die Unlust will ernst genommen und respektiert werden. Inneres Management ist auch eine Quelle für pfiffiges Umgehen mit Herausforderungen.

Der Fall: Führungsperson im Rückzug

Der Fall: Führungsperson im Rückzug

Eine engagierte und sich gern weiterentwickelnde Führungsperson arbeitet in einer Organisationskultur, die wenig Wert auf Fördern und Vertrauen legt. Selbst in diesem bremsenden Klima hat sie den Mumm, zusätzlich zur Leitung des eigenen Gebiets die Stellvertretung für einen häufig ausfallenden Abteilungsleiter zu übernehmen. Der Start läuft überraschend gut: Von allen Seiten kommt beflügelnde Resonanz. Die Zusatzbelastung wird durch eine neue Form von Miteinander mehr als kompensiert - gerade auch durch Akteure höherer Ebenen.

Der Abteilungsleiter fühlt sich wirklich entlastet und kommt wieder zu Kräften. Allerdings entwickelt er nun einen neuen Stil, indem er sich distanzlos überall einmischt, ohne wirklich Verantwortung zu übernehmen. Für die Führungsperson ist das mehr als unangenehm. Sie hat den Eindruck, das von ihr aufgebaute gute Miteinander werde missbraucht.

Nach einiger Zeit beschließt sie, sich "zurückzuziehen". Sie legt die Stellvertretung nieder. Nur noch für das eigene Tagesgeschäft will sie zur Verfügung stehen, mehr aus dem Homeoffice agieren, sich für Belange der Gesamtorganisation nicht mehr engagieren. Kurzum: keine Lust mehr.

Unlust: eine Antwort auf Abgeschnitten-Sein

Von außen betrachtet, hat die Führungsperson nach ihrem gelungenen Aufbruch in größere Verantwortung und nach der guten Resonanz darauf die Verbindung zum Sinn ihres Tuns verloren. Sie fühlt sich abgeschnitten von Lebendigkeit und Zuversicht.

Natürlich bemerkt sie das Verblassen ihrer eigenen Spritzigkeit, und das macht sie auch traurig. Sie sieht nämlich auch, dass ihre Stärke darin, anderen unterstützend zur Seite zu stehen, dem Abteilungsleiter leider nicht zur Verfügung steht.

Abgeschnitten vom Sinn, traurig und ohne Hoffnung auf begleitende Unterstützung: Darauf scheint Unlust fast noch eine "nette" Reaktion zu sein.

Wenn man Inneres Management kennt, weiß man, dass eine Opferposition immer wieder auftritt. Ebenso wie Unlust und Rückzug und "Raus hier".

Aus Sicht des Inneren Managements sind das aber Durchlaufpositionen, in denen es einiges zu entdecken und zu entscheiden gibt. Danach wird ein anderer Spin möglich, und vielleicht steht einem auch etwas Neues zur Verfügung.

Dann ist die Unlust also ein Weckruf auf Abgeschnittensein.

Aber Weckruf zu was? Und wozu?

Unlust: eine Antwort auf Abgeschnitten-Sein

Dreh- und Angelpunkt: seelische Verbindung

Unlust neigt leider dazu, alles zu zerschlagen, was einem in den Sinn kommt.

Zukunft? Ha! Es könnte doch auch besser werden? Unmöglich! Vielleicht habe ich etwas übersehen? Quatsch, ich weiß doch, wie das läuft!

Die Unlust schlägt zu, und man verliert die Verbindung zum Essentiellen, zu den eigenen Möglichkeiten.

Man ist von allem abgeschnitten, was einen seelisch nährt und seelisch "verdauen" lässt.

 

Wenn noch ein Hauch von Verbindung mit sich selbst übrig ist, könnte man es etwa so wahrnehmen:

  • "Ich fühle mich von allem Essentiellen abgeschnitten, das mir eigentlich zur Verfügung steht."

 

Wenn nicht aus Sicht dieser Unlust alles so schrecklich wäre, könnte man sich dann sich selbst zuwenden und sich fragen:

 

  • "Was ist da so total gestört und abgerissen?"
  • "Wo könnte ich danach suchen?"
  • "Kriege ich gerade irgendwas gar nicht mit?"
Dreh- und Angelpunkt: seelische Verbindung

Unlust respektieren und ablösen: einen Weg starten

Mit Unlust umzugehen und essentielle Verbindungen wieder herzustellen, ist eine ziemlich große Aufgabe. Man kann stolz darauf sein, wenn man sie ernsthaft anpackt.

Der Startschuss ist die Entscheidung dafür, die überwältigende Unlust zu respektieren - sie allerdings auch nur als zweitbeste Lösung zu betrachten. Das öffnet den Weg zu einer besten Lösung - die man noch nicht kennt.

Wichtig für diesen Weg ins Unbekannte ist gutes Managen von Zeit und Energie: sich von Deadlines zu verabschieden und immer nur den nächsten Schritt zu tun. Wach zu sein und nach Kräften die eigenen Möglichkeiten einzusetzen.

Man erlaubt sich eine neue Perspektive jenseits von "alles kann immer nur noch schlechter werden". Sie heißt: "Es könnte auch alles ganz anders sein". Damit beginnt aufmerksames Wahrnehmen und Spüren mit Blick auf etwas, das man finden will. Die Frage ist nicht mehr, ob man es finden wird, sondern wie man es finden kann.

Man darf annehmen, dass es unterwegs weiterführende Signale geben könnte; und man wird lernen, sie zu lesen.

Unlust respektieren und ablösen: einen Weg starten

Auf dem Weg von Unlust zu erneuerter Souveränität

Man wird unterwegs Momente von Traurigkeit, Schmerz oder Sehnsucht erleben - ein gutes Zeichen! Man trifft auf Baustellen, auf denen noch etwas zu tun ist. Und auch auf Schatzkammern, die auf Entdeckung warten.

Mit Hilfe von Innerem Management kann man lernen, sich selbst und das eigene Denken und Handeln deutlicher wahrzunehmen und bewusster zu gestalten.

Wenn die eigene Souveränität eine neue oder erweiterte Basis bekommt, wird das auch neue Möglichkeiten zum Gestalten von Beziehungen und Miteinander mit sich bringen. Der eigene Führungsstil wird überzeugender und wirksamer. Man wird neue und bessere Antworten auf alte Fragen finden. Man baut leichter Vertrauen auf und wird selbst glaubwürdiger. Das erlaubt auch mehr Kreativität.

So kann man erleben, dass Alleinsein nicht zwingend ist, sondern nur eine Variante von mehreren, die zur Auswahl stehen. Ebenso der Rückzug: Er ist nicht die einzige Möglichkeit, ein starkes Signal zu senden.

Auf dem Weg von Unlust zu erneuerter Souveränität

Was kann man im Organisationsalltag tun?

Was kann man im Organisationsalltag tun?

Unlust und Rückzug sind Themen, die zunächst nach individueller Innerer Arbeit rufen.

Aber sie sind auch ein großes Thema in der Organisationskultur - beziehungsweise müssten es eigentlich sein.

Wenn engagierte und lernbereite Führungspersonen nicht mehr weiterwissen und sich zurückziehen, kann das zum Implodieren eines ganzen Feldes führen.

Keine Organisation kann es sich wirklich leisten, solche Vorgänge zu ignorieren.

Auch für die obersten Führungsebenen müssten sie ein Weckruf sein, sich nicht nur mit einzelnen Betroffenen, sondern auch mit sich selbst und mit der Führungskultur zu beschäftigen, in der so etwas geschieht.

Gerade Führungspersonen wie die hier beschriebene sind ein Geschenk für eine Organisation, die sich weiterentwickeln will.

Wissen sie doch aus eigenem Erleben, wie Spannungen sich aufbauen können, und dass persönliche Weiterentfaltung es möglich macht, konstruktive Auswege zu finden. Das macht glaubwürdig. Und befähigt dazu, auch andere anzusprechen und zu erreichen.

 

Und hier noch eine kleine Selbst-Coaching-Übung: