Selbst-Sein
Newsletter | Juli 2026
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Selbst-Sein? Vielleicht ein seltsamer Titel, aber eine drängende Problematik hat ihn ausgelöst: Das starke Einflussnehmen über Medienkanäle macht es nötig, individuelle Souveränität und Selbstverantwortung als ureigene Größen zu schützen. Medien-Akteure, deren Ziel es ist, auf fast alles Einfluss zu nehmen, wollen auf genau diese beiden Größen zugreifen, um sie auszuhebeln.
Und damit sind wir auch schon beim Führen. Das beginnt genau da, beim ureigenen, souveränen und selbstverantwortlichen „Sich-selbst-führen“. Mit aufmerksamem Wahrnehmen und wachem Bewusstsein. Dazu gehört auch die Frage „Wovon und von wem will ich mich führen lassen?“
Das klingt vielleicht kompliziert und sogar ermüdend. Denn wie verführerisch leicht ist es doch, das Terrain einfach den Medienkanälen zu überlassen.
Selbst-sein? Hat doch mit dem Innenleben zu tun, oder? Meldet sich da etwas? Wie geht es meinen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Ressourcen? Setze ich sie ein, um etwas zu bewirken und mich weiter zu entwickeln?
Selbst-sein ist eine Einladung, das Beste aus dem zu machen, was gerade geschieht. Selbst-Sein ist eine Dauerkarte für das Gestalten von Spielraum, Potenzialen, Ressourcen sowie von schönen und genauso auch von krassen Situationen.
Ein herausragendes Beispiel
Das ist für uns der ukrainische Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan. Er schreibt nicht nur Gedichte und Romane, sondern spielt mit seiner Band auch in der U-Bahn. Er baut Netzwerke auf, um den Menschen in seiner Heimat dabei zu helfen, mit der radikalen Realität des Krieges umzugehen. Überall, wo sie gebraucht werden, setzen er und „seine Leute“ sich unermüdlich ein. Er selbst und weitere Mitglieder seiner Band sind inzwischen auch aktive Soldaten.
Er tut all das nicht, weil irgendjemand es so will, sondern weil er selbst es will. Sein Antrieb ist die Liebe zu den Menschen in seiner Stadt und in seinem Land.
Aus seinem Hass auf die Russen und ihren Angriffskrieg macht er kein Hehl, sondern äußert ihn öffentlich – in seinen Texten, seiner Musik und in seinen Social Media Posts.
Er ist nicht nur nah dran, sondern mittendrin. Schon im Sommer 2022 erscheinen seine Posts der ersten Kriegsmonate als Buch: „Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg„. Im Herbst 2022 bekommt er für dieses Buch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
Er knickt nicht ein, nicht vor sich selbst und auch nicht vor seinen Kritikern. Er ist sich seiner selbst bewusst und steht dazu, dass sich sein Selbst durch den Krieg verändert hat: Zu seinem künstlerischen und sozial-aktivistischen Selbst hat sich eine hassende Komponente hinzugesellt. Er spürt sie, erschreckt darüber – und bringt auch das deutlich zum Ausdruck.
Selbst-Sein als Lernprozess
Selbst-Sein ist ein dynamischer Entwicklungsprozess und ein sehr individueller Weg.
Wenn man will (und das Wollen ist manchmal gar nicht so einfach), kann man lernen, die Signale wahrzunehmen, die auf die jeweiligen nächsten Schritte hindeuten.
Eine der ersten Aufgaben auf diesem Weg ist es daher, die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Dann kann man entscheidende Sichtweisen und Impulse auch aus Erlebnissen, Erzählungen oder auch Träumen heraushören oder spüren.
Wer diese Fähigkeiten entwickelt und pflegt, wird mit Erstaunen feststellen, dass solche Signale, Impulse und Hinweise „eigentlich“ immer zur Verfügung stehen. Und dass sie „eigentlich“ auch immer Neues und Weiterführendes bereithalten.
Das Umgehen mit den vielfältigen „Update“-Signalen ist fundamental für das Selbst-Sein. Da fallen die Entscheidungen, von was und von wem man sich führen lassen will. Ja, will und nicht, muss.
Hier ist künstlerische Intelligenz gefragt, denn sie bietet Möglichkeiten, um nicht-lineare Signale in lineares Alltagshandeln einzubauen.
Entscheidend ist: Will man immer wieder diesen Signalen trauen, die so völlig unkontrollierbar auftauchen? Oder will man es ganz bewusst nicht – was auch ein Signal ist. Entwickelt man ein Gespür dafür, was gerade passt und was nicht?
Selbst-Sein: soziales Miteinander als Kernelement
Vor sehr langer Zeit konnte man ab und zu hören, diese oder jene Person müsse mal „an sich arbeiten“. Eine sehr interessante und ziemlich witzige Aussage! Denn darin schwingt mit, dass die Sprecherin oder der Sprecher (meistens eine „Autoritätsperson“) für selbstverständlich hielt, dass er oder sie selbst das nicht nötig hätte. Es waren immer nur die anderen.
Genau das ist der Knackpunkt – und ein Signal! Denn eine weitere Aufgabe beim Selbst-Sein ist die, sich als Beteiligte in einem aktuellen Kontext die Frage zu stellen: Welche Position habe ich hier, und welche könnte ich einnehmen? Was kann ich tun, damit hier etwas voran kommt?
Und das nicht nur, um im Feld vielleicht „irgendwie“ aktiv zu werden, sondern es auf eine Art und Weise zu tun, die sowohl der Situation als auch dem eigenen Selbst-Sein angemessen ist.
Da sind die Top-5-Führungsqualitäten ein inspirierendes und wegweisendes Werkzeug. Wenn man nämlich die Wirkungskraft von Verletzlichkeit erfassen kann, tut die oben beschriebene Vorgehensweise richtig weh – insbesondere mit Blick auf die Sprecherin oder den Sprecher: Es hört sich an, als kapselten sie sich – auf einem Thron sitzend und urteilend – völlig von dem ab, was andere mit- und einbringen.
Sich selbst und andere führen
Soziales Miteinander ist für das Selbst-sein von essentieller Bedeutung. Obwohl es sehr unterschiedlich wirken kann: einerseits aufbauend und beflügelnd – aber manchmal auch bremsend und quälend.
Serhij Zhadan ist ein Beispiel dafür, wie Selbst-sein sich entwickelt und dabei viele andere erreicht und berührt. Das ist die Wirkung von gutem Führen: Wenn man in misslichen Situationen Resonanz in Form von positiver Verstärkung und Anerkennung bekommt, hat das eine besonders überzeugende Wirkung.
So ist Führen auch angewandtes Selbst-Sein. Man erlebt Wirksamkeit – in die eine oder in die andere Richtung. Man bekommt beflügelnde und abtörnende Resonanz. Man kann erleben, mit anderen zusammen zu sein – oder auch nicht.
Mit der Zeit kann man beim Führen immer mehr auf Ausprobieren, Kenntnisse und Erfahrungen bauen.
Das aktive Lernen und das Experimentieren mit Führen und Sich-führen-lassen ist für das Selbst-Sein die beste Schule: immer wieder Neues, immer wieder andere Menschen, immer wieder auch mal Nicht-Funktionierendes. Zunehmend aber: erleben, dass es funktioniert, dass es passt und dass es trägt.
Was beim Selbst-Sein immer ein Muss bleibt: sich zu bewegen, neugierig-offen zu sein und sich überraschen zu lassen. Wach und bewusst.
Man kann natürlich auch sagen „Nö, das ist mir alles viel zu anstrengend, das kann keiner von mir verlangen.“ Die Entscheidung für den Nö-Weg ist auch eine Entscheidung dafür, eigene Potenziale nicht zu entfalten, sich um Miteinander nicht zu kümmern – und auf den Zauber von Zuversicht, Erfüllung und Glück zu verzichten.
Und hier noch eine kleine Selbst-Coaching-Übung: Selbst-Sein als immer wieder neue Überraschung


