Souveränität – keine Kleinigkeit
Newsletter | Februar 2026
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Fans von gutem Führen und Zusammenarbeiten bekommen aktuell reichlich Input, um unglücklich und zappelig zu werden. Maßgeblichen Akteure praktizieren Vorgehensweisen, die man eher unglaubhaften Filmen zugeschrieben hätte. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist die Erwartung, dass es immer so weitergehen könnte. Da die maßgeblichen Akteure dem Prinzip grenzenloser Zunahme folgen, braucht es als Antwort ein Handeln, das klare Grenzen setzt und werthaltige Identität im Vordergrund hält.
„Welcome, teach me!“ Dieser Satz, den wir vom Lernforum 2025 mitnahmen, kann hier den entscheidenden Impuls geben. Denn was könnte es in einem Kontext, in dem Gewalt und Machtmissbrauch dominieren, zu lernen geben? Etwas, auf das man sonst niemals kommen könnte? Oder sind wir alle nur Betroffene oder gar Opfer, ohne jeden eigenen Spielraum?
Das spricht Souveränität an: Haben wir sie überhaupt noch, oder wird sie uns von denen gestohlen, die Angst und Schrecken verbreiten?
Auch in krassen Settings gibt es immer etwas, das stärken und aufbauen kann, wenn man die eigene Aufmerksamkeit darauf ausrichtet, es zu finden.
Da wir uns im Feld von Führen und Zusammenarbeiten bewegen, läuft es darauf hinaus, wie man die eigene Souveränität, das eigene souveräne Führen und das eigene souveräne Zusammenarbeiten so stärkt, dass missbräuchliche Praktiken Grenzen zu spüren bekommen.
Qualität, die von innen kommt
Als erstes ist eine Differenzierung nötig: Souveränität ist ein Begriff im staatsrechtlichen Rahmen, und dabei geht es um die höchste Instanz und die Eigenrechtlichkeit. Im Fall von (deutscher) Demokratie: das Volk als Souverän. Das ist interessant, bringt uns in unserem Kontext aber nicht viel Lebendiges.
Denn uns geht es ja darum, Leben und Arbeiten zu gestalten, wirksam zu führen und zusammenzuarbeiten und – wenn möglich – dabei qualitativ zu wachsen. Also morgen etwas zu können, das heute noch unmöglich erscheint.
Da steckt schon ein Stückchen drin von „welcome, teach me!“ Es hat etwas mit innerem Management zu tun, und auch damit, in komplexen und dynamischen Feldern adäquat zu agieren. Und damit etwas Neues entstehen und werden zu lassen.
Das ist echte Arbeit, denn wir sprechen nicht von so-tun-als-ob: sich Raum greifen, knackig auftreten und alles andere marginalisieren. Das kann zwar nach langem Zaudern und Lavieren mal gut tun, sollte aber eher als Zwischenschritt angelegt sein.
Für uns ist Souveränität eine lebendige und lernfreudige Qualität, die auch mit Druck, Zwang und Manipulation umgehen und daran wachsen kann. Im jeweils eigenen und individuellen Stil.
Souveränität als wirksame Kraft
Souveränität als innere Qualität bezieht sich immer auf ein aktuelles Geschehen, das nach Aufmerksamkeit und Positionierung ruft. Vielleicht sogar nach Engagement schreit. So, dass man sich angesprochen fühlt.
Also los! Was kann ich tun, welche Möglichkeiten habe ich gerade, um das Geschehen möglichst klar wahrzunehmen und wirksam zu handeln? Als erstes gilt es, mich selbst und die anderen Beteiligten als solche anzuerkennen – schon das ist keine Kleinigkeit. Dann versuche ich zu erspüren, was jetzt dran ist und was ich tun könnte. Vielleicht stelle ich Fragen. Langsam bewege ich mich in eine Position, die mir Entscheidungen ermöglicht. Schließlich treffe ich eine Entscheidung, mache dazu einen Vorschlag und übernehme die Verantwortung dafür.
Diesen Kurs halte ich und achte auf die Resonanz, die ich auslöse. Vielleicht gewinne ich weitere Einsichten und passe meinen Kurs entsprechend an. Aber nicht, weil ich mich dazu gezwungen fühle, sondern weil ich es so will.
Das alles hat viel mit bewusstem Wahrnehmen und wacher Präsenz zu tun. Ich verwechsele das Geschehen selbst nicht mit der Wirkung, die es bei mir auslöst. Vielleicht spüre ich etwas wie Zorn, Enttäuschung, Empörung oder Rachelust. Aber ich lasse mich von diesen Empfindungen nicht „wegziehen“. Wenn ich reflexhaft handle, bemerke ich es. Ich ermögliche Spielraum für Handlungsoptionen, die das Geschehen zum Besten führen.
Souveränität kommt nicht allein
Vielleicht erinnern Sie sich an unsere Top Five Führungsqualitäten? Souveränität ist eine von ihnen. Die vier weiteren heißen Geduld, Verletzlichkeit, Vertrauen und Kreativität.
Der Kreis dieser fünf Qualitäten lässt ein Paradigma entstehen, das Führen dynamisch, erfolgreich und menschenorientiert macht.
Souveränität stärkt nach unserer Erfahrung Geduld. Wieso? Sie ist nicht hastig, sondern wirkt eher beruhigend und nimmt Druck raus. Sie öffnet einen Raum zum Weiterdenken und lässt Zeit. Wie eine gute Gastgeberin.
So kann Geduld zur Gastgeberin von Verletzlichkeit werden. Zur Erinnerung: Verletzlich zu sein heißt, berührbar zu sein und potenziell auch andere berühren zu können. Verletzlichkeit wärmt Beziehungen und macht sie belastbar. Wenn sie fehlt, wird es kalt und hart; man panzert und verteidigt sich, statt aus eigenen Fehlern oder Unwissen zu lernen. „Welcome, teach me“ wird unmöglich.
Dank Verletzlichkeit kann Vertrauen wachsen, eine innere Ausrichtung, die Wohlwollen ausstrahlt und nicht als erstes misstrauisch (!) nach Beweisen und Belegen fragt. Nicht so einfach in Kulturen, die auf Kontrolle und Fehlervermeidung setzen.
Und Vertrauen ist eine wichtige Daseinsbedingung für Kreativität. Eine Qualität nicht nur für Künstler. Sie erlaubt es, „anders“ auf Gegebenes zu blicken und dadurch neue Zusammenhänge und Möglichkeiten zu entdecken und umzusetzen.
Mit Kreativität kommen Leichtigkeit und mehr Beweglichkeit rein und verleihen der Souveränität Flügel. Zum Beispiel mit Begeisterung und Zuversicht.
Souveränität als permanente Aufgabe
Wer dem Bild folgen möchte, dass Souveränität im Kreis mit vier Kolleginnen agiert, verknüpft inneres Management mit dem Management von Beziehungen und dem Management in komplexen-dynamischen Feldern.
Das klingt vielleicht kompliziert, die tatsächlichen Wirkungen sind aber eher einfach und müssen im Alltagsgeschehen spürbar sein.
Die meisten von uns erleben täglich, dass die Kommunikationskanäle und mit ihnen die Intensität des Bespieltwerdens zunehmen. Die eigene Aufmerksamkeit wird kontinuierlich und meist sehr gekonnt angesprochen und ausgelastet.
Während man also alles tut, um selbst nützliche Aufmerksamkeit zu bekommen, müsste man auch alles tun, um nicht „weggezogen“ und „benutzt“ zu werden. Also die eigene Identität individuell, lebendig und entwicklungsfähig halten.
Und genau hier setzt Souveränität als (Führungs-) Qualität ein: Wie agiere ich am besten in meinem inneren Management, in der Gestaltung von Beziehungen und im Mitwirken in komplexen-dynamischen Feldern? Und zwar so, dass da, wo ich bin, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Geschehen zum Besten tendiert.
Und hier noch eine kleine Selbst-Coaching-Übung: Souveränität – immer wieder


