Störungen: ungenutzte Potenziale werden gebraucht

Newsletter  |  November 2013

Es gibt Momente, die von der einen auf die andere Sekunde alles zerstören. So zum Beispiel, wenn man durch einen Unfall plötzlich auf die Hilfe anderer angewiesen ist und für eine zunächst ungewisse Zeit zu Hause bleiben muss. Oder wenn man geblitzt wird und deshalb davon ausgehen muss, für einige Zeit ohne Führerschein dem Beruf nachzugehen. Wenn man als Verantwortliche/r während eines wichtigen Projekts plötzlich krank wird, nicht weiter mitarbeiten kann und das Projekt in andere Hände legen muss. Beispiele für solche kapitalen Störungen gibt es unbegrenzt, und die meisten haben sie schon einmal in der einen oder anderen Form erlebt und durchlitten. Die Welt scheint plötzlich zusammenzubrechen, und alle Pläne und Träume von vorher – im schlimmsten Fall sogar das ganze 

Stören-Schere

Leben, wie es bisher war – scheinen auf einmal unmöglich. So katastrophal Störungen sein können, so bringen sie doch fast immer auch wichtige Nachrichten mit. Wir alle brauchen von Zeit zu Zeit drastische Veränderungen, und in diesem Zusammenhang sind Störungen – zumindest nach dem ersten, zweiten, dritten und vielleicht zehnten Schock – starke Signale in Richtung Wachstum.

Rolladen ist unten - für immer

Störungen machen alles kaputt

Ein junger Unternehmer, leidenschaftlich aktiv in der Bekleidungsindustrie, hatte sich vorgenommen, nun endlich mit seinem Unternehmen einen Quantensprung zu machen.

Er hatte hart gearbeitet, sich gut vorbereitet, jedes Detail minutiös durchgeplant, mit Lieferanten und Dienstleistern alles besprochen, jede Minute in das Projekt gesteckt und eine große Menge seiner Produkte fast fertiggestellt. Diesmal sollte es wirklich um Stückzahlen gehen.

Doch dann passierte der Unfall: Die Packung Nudeln stand oben auf dem Küchenschrank, und um sie zu erreichen, hatte er sich einen Stuhl an den Schrank gestellt. Doch im Moment des Aufstiegs brach der Stuhl zusammen, ein Fuß knickte um, und unter großen Schmerzen landete er zunächst auf dem Küchenboden und später auf einer Liege im nächsten Krankenhaus.

Dort, mit einem Gips am Fuß, wurde ihm schlagartig klar: den Quantensprung konnte er vergessen. Die nächsten Wochen, vielleicht sogar Monate, würde er aussetzen müssen. Er verfluchte die Welt, sein Leben, die Ungerechtigkeit des Schicksals.

 

 

 

 

Störungen lösen gravierende Veränderungen aus

Genau da liegt auch eine Chance. Der Unfall zwingt ihm etwas auf, das es schon lange nicht mehr gegeben hatte: Zeit und Stillstand. Irgendwann tauchen Fragen auf: Wie hatte er eigentlich die ganze Arbeit allein schultern können? Und der Wunsch nach dem Quantensprung: ein sauberes Ziel, mit dem Kern des Projekts zu vereinbaren?

Ist das verbissene Arbeiten vielleicht eher Ausdruck der Sehnsucht nach selbst erarbeitetem Erfolg, und das Projekt nur Mittel zum Zweck? Was ist mit den Freunden und der Familie, sind die überhaupt noch im Blickfeld?

Ohne den Unfall und die Einschränkung seiner Beweglichkeit wäre der Unternehmer vermutlich nie auf die Idee gekommen, sich solchen Fragen zu seinem Projekt und seiner Sehnsucht nach Erfolg zu stellen; er hatte schlicht keine Zeit und auch keine Notwendigkeit gesehen. Die Erkenntnis, dass persönliche Bedürfnisse dem Projekt im Weg stehen könnten, indem sie ungesunden Druck und Einsamkeit erzeugen, könnte sowohl für den Unternehmer als auch für seine Projekte langfristig äußerst wertvoll sein.

 

 

 

 

Schublade geht auf - rot &
Schublade geht auf ...rot

Störungen wecken Potenzial und ermöglichen Erfolg

Störungen, die einen klaren Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, bieten die Möglichkeit, in der Zukunft etwas ganz anders zu machen. Der junge Unternehmer mit dem Gipsfuß könnte zu dem Schluss kommen, dass er Hilfe von anderen braucht. Er kann sich überlegen, wo Unterstützung nötig ist, wen er fragen möchte, und er kann ein Team zusammenstellen. Sogar weitere Baustellen in seinem Unternehmen kann er sich ansehen und sie beheben.

Vielleicht findet der Quantensprung sogar ganz woanders statt als geplant?

Das heißt natürlich nicht, dass jedes Projekt eine Störung braucht, um zu gelingen. Die Kunst liegt darin, im Fall des Falles nicht alles in Frage zu stellen oder hinzuschmeißen, sondern ein Projekt (auch sich selbst oder das Team) an entscheidenden Stellen zu verändern.

Störungen, so schmerzlich sie sein können, bieten nicht nur die Möglichkeit zu erkennen, wo die Schrauben zu verstellen sind, sondern machen unmissverständlich klar, dass es nötig ist, Schrauben zu verstellen.

Mit dem Gipsfuß auf dem Sofa hat der Unternehmer etwas Wichtiges entdeckt: einen Widerspruch zwischen seiner eigenen Sehnsucht nach Erfolg und dem, was das Projekt selbst braucht, um erfolgreich zu sein. Seine Sehnsucht hätte das Projekt womöglich getötet. Jetzt wird ihm klar, dass es in seinem Unternehmen zwei Rhythmen gibt: den des Projekts, der schnelles Handeln und maximalen Einsatz erfordert, und den des Geschäftsaufbaus, der sich Schritt für Schritt entwickeln muss – konsequent, nachhaltig, reflektiert, gemeinsam mit anderen.

Manchmal wünscht man sich einfach Hilfe, und man kann sie auch einfach bekommen.
Auch ohne Störung. Auch bei uns.