Wohin, wohin? Zum Sinn, zum Sinn!

Newsletter  |  Mai 2014

Wenn sich Aktenordner und Papier auf dem Schreibtisch stapeln, wenn sich hunderte ungelesene Mails im Postfach sammeln, ist eins gewiss: Hier ist sehr, sehr viel zu arbeiten.

Das muss ja nicht schlecht sein, denn viel Arbeit zeigt ja auch, dass man Teil eines lebendigen Feldes ist und gebraucht wird, oder? Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass man zum Erfolg seiner Kunden und des eigenen Unternehmens etwas beizutragen hat. Oder?

Aber wann wird aus „Viel“ ein „Zuviel“? Die Grenzen sind fließend, denn was für die einen zu viel ist, ist für die anderen genau richtig. Für dieses richtige Maß an Arbeit gibt es, wenn alles gut läuft, die angemessene Vergütung. Nicht mehr und nicht weniger. Oder?

So lauern im Thema „viel Arbeit“ Konfliktfelder, die leise im Hintergrund

anwachsen und irgendwann explodieren. Vielleicht könnte man ja seismographische Instrumente entwickeln, die vorher warnen. Oder?

Es läuft auf die Sinnfrage hinaus: Welches Maß an Arbeit ist individuell und im Hinblick auf Ziel und Zweck sinnvoll?

Qualität und Quantität

Ein Gesprächspartner, der die goldene Gabe hat, Dinge klar und präzise auf den Punkt zu bringen, schweigt plötzlich. Er antwortet nicht mehr auf Mails, und in einem kurzen Telefonat erfahren wir den Grund: er versinkt in einer Flut täglicher Mails, so dass er sie kaum noch lesen, geschweige denn beantworten kann. Für einen tieferen Austausch auf dem Mail-Kanal findet er keine Zeit mehr. Schade – der inspirierende und angenehme Austausch mit ihm fehlt uns schmerzlich.

„Sie werden nicht dafür bezahlt, dass Sie hier sitzen, sondern dafür, dass Sie Ergebnisse abliefern!“ Wissen wir als Führende immer, welches Maß an Arbeit für uns selbst und andere (noch) gut ist? Gibt es tatsächlich diesen Wettbewerb von Qualität und Quantität, so dass sich durch weniger Menge automatisch die Qualität verbessert? Oder muss ein Raum geschaffen werden, in dem Qualität und Quantität zunächst einmal Größen sind, die sich nicht gegenseitig ausschließen? Vielleicht geht es auch nicht immer um „entweder-oder“?

Wer führt, geht voran …

Woran misst man das richtige oder zumutbare Maß an Arbeit? Hier ist Führung gefragt. „Mir geht es auch nicht besser als Ihnen“ ist keine hilfreiche Antwort auf die Beschwerde einer Kollegin oder eines Mitarbeiters. In Phasen mit viel Arbeit, die es regelmäßig und vorhersehbar, aber auch plötzlich und unerwartet geben kann, ist es wichtig, sie für alle Beteiligten nicht unangenehmer zu machen als unbedingt nötig.

Wenn viel Arbeit anfällt, muss sie gemacht werden. Wer sie allerdings missmutig tut und missmutig verteilt, wird Missmut ernten. Man muss nicht gerade jetzt auch noch lange angestauten Frust ablassen. Um mit dem Ärger im eigenen Inneren umzugehen, kann man Möglichkeiten für inneres Managements nutzen. Danach erst kann man den anderen richtig zuhören und dem, was sie sagen, Aufmerksamkeit geben: Können sie ihre Fähigkeiten optimal einsetzen und bekommen sie dabei genügend aufrichtige Anerkennung? Oder glaubt man, darüber schon alles zu wissen? Das stünde einer aufmerksamen Wahrnehmung eher im Weg.

 

 

 

Was macht Sinn?

Unser geschätzter Gesprächspartner hat für sich entschieden, einen Kommunikationskanal außer Betrieb zu nehmen: „Wenn die anderen mich ‚zumüllen‘, dann schütze ich meine Qualitätsansprüche und beschränke mich auf den direkten Dialog.“

Er orientiert sich an dem, was für ihn Sinn macht.
Das könnte man so definieren:

  • Ich ehre das, was mich ausmacht, und was ich anderen zur Verfügung stellen kann.
  • Ich halte mich selbst in einem guten Zustand, um handeln und lernen zu können.
  • Diesen Zustand messe ich daran, ob ich zielgerichtet sprechen und zugewandt zuhören kann. Und daran, ob ich zum Wohlergehen des Ganzen beitragen kann.
  • Ich richte meine Aufmerksamkeit auf das, was andere von mir gut gebrauchen können.
  • Ich bin bereit, andere um Hilfe zu bitten und ihre Leistungen wirksam zu nutzen.

 

Sinn braucht Verantwortung

Wer sinn-voll agieren möchte, muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Oft setzt man das mit Schwere und Belastung (und viel Arbeit!) gleich, aber eigentlich heißt es nur: Ich bin da; ich arbeite an mir selbst; Ich bin ansprechbar; ich gehe davon aus, dass es einen guten Weg gibt, und dass wir ihn finden, wenn wir den entsprechenden Signalen folgen; lasst uns gehen!

 

Sinn kann sich entfalten, wenn Verbündete da sind

Wenn man nicht mehr allein ist, sondern zu mehreren eine
Aufgabe „rockt“ und zu einem guten Ergebnis bringt, dann kann
viel Arbeit plötzlich begeistern und für eine gewisse Zeit Freude machen. Man kann spüren, dass sie „Sinn“ macht, und dass
man mit anderen gemeinsam etwas vielleicht sogar Großes zustande bringt. Man kann das Werden miterleben – und auch
den Moment, an dem es dann zu Ende ist.

Solches Arbeiten nährt und ist verdaulich. Und man kommt
besser wieder raus, als man reingegangen ist.

 

P.S. Viel Leid bringt nicht unbedingt viel Ehr‘

Wenn das Leiden an zu viel Arbeit anhält, könnte man sich fragen: will ich das Übermaß an Arbeit wirklich auflösen, oder will ich etwas haben, woran ich leiden kann? Habe ich das Bedürfnis nach Anerkennung, möchte ich unentbehrlich sein, und will ich, dass
alle das merken? Will ich alles kontrollieren, die Fäden allein in der Hand haben?

Wenn das der Sinn sein soll, ist das auch eine Entscheidung. Vielleicht aber eine vorläufige?