Sich Zeit nehmen: für die Sicherheit, die das WIR braucht (Juni 2019)

Die Aktiven eines WIR-Projekts in einer Organisation stellten sich die Frage:“Was wollen wir in schwierigen Situationen wie z.B. Streit, Spannung, Unverständnis, Sprachlosigkeit oder sogar Beklemmung tun, um auf  einen Lösungsweg zu kommen?“
Als erster Schritt ergab sich: der Kommunikation Aufmerksamkeit geben und das Gespräch mit den Beteiligten suchen.
Zweiter Schritt: sich Zeit nehmen (und zwar ausdrücklich Arbeitszeit) und dem Gegenüber Zeit geben.
Dritter Schritt: schnell reagieren, bevor es sich hochschaukelt.
Aber auch: sacken lassen, nachdenken, und dann erst reden.
Nur: Woher und wie soll man sich Zeit nehmen, wenn keine da zu sein scheint? Wenn alles schnell gehen soll? Zeit ausgerechnet für Kommunikation, obwohl man schon das Wort eigentlich nicht mehr hören kann?!
Hören Sie den podcast dazu…
Sich Zeit nehmen: für die Sicherheit, die das WIR braucht
Zeit für Beziehungen
 
Beim Gestalten tragfähiger Beziehungen vergeht Zeit. Immer. Manchmal viel Zeit. Beruflich ebenso wie privat. Es kann so aussehen, als bräuchte man diese Zeit zusätzlich und obendrauf zu allem anderen, das man ohnehin schon tut. Und dann ist es zu viel.
Betrachten wir es doch einmal aus einer anderen Perspektive: Leben und Arbeiten bestehen eigentlich darin, Beziehungen zu gestalten. Dann sind Beziehungen und Kommunikation nicht mehr etwas, das noch obendrauf kommt, sondern man verbringt seine Zeit ohnehin damit. So gesehen, kann man die vergehende Zeit anders wahrnehmen und anders nutzen.
Zeit für sich selbst
 
Warum? Weil man Beziehungen zu anderen nur gestalten kann, wenn man auch zu sich selbst eine Beziehung pflegt. Auch dabei vergeht Zeit, mit innerer Arbeit, Reflexion,Meditation … Zum Beispiel, um immer wieder mit sich selbst in Frieden zu kommen. Um sich den eigenen Ängsten zu stellen. Um blinde Flecken aufzulösen. Um immer mehr man selbst zu werden. Um Wohlwollen für sich selbst zu entwickeln – auch für das, was man an sich selbst nicht mag. Um sich selbst Fehler zu vergeben.
Während dabei Zeit vergeht, entsteht viel Neues (man selbst merkt es zunächst oft nicht): zum Beispiel Sicherheit, um klare Positionen einzunehmen und gleichzeitig offen für andere und für Neues zu werden. Die Prioritäten im Hinblick auf Zeit könnten sich dabei verändern.
Zeit für Stille
Wir denken manchmal darüber nach, wie wir abgemessene Zeit kommunikationstechnisch am besten nutzen: Sprechen wir besser schnell und viel, um möglichst viel unterzubringen? Oder sprechen wir besser langsam und wenig, um das Wenige klingen zu lassen und auf die Resonanz zu achten?
Die entscheidende Rolle spielt immer der jeweilige Kontext – und man entscheidet sich wahrscheinlich eher intuitiv für das eine oder das andere. Erst wenn man dann die eigenen Worte nachklingen lässt und ihnen lauscht, hört man, was und wie man es gesagt hat. Man nimmt die Resonanz der anderen wahr und kann an ihr erkennen, ob man vielleicht zu schnell war.
Manchmal kommt es einfach dazu, dass es still wird. Das kann sich zunächst sehr unbehaglich anfühlen, unanständig fast, zu intim vielleicht. Aber dann: Alles, was schließlich aus dieser Stille gesprochen wird, hat eine gute Chance, wirklich gehört zu werden und Resonanz zu bekommen.
Schon dafür könnte es sich lohnen, Stille zunächst auszuhalten, sie nach und nach zu mögen und sie dann auch bewusst zu ermöglichen.
Zeit für WIR
Die meisten Wirtschaftsmodelle beruhen darauf, dass man mit der Zeit in einen sportlichen Wettkampf tritt, um sie zu schlagen. Mit weniger Zeit mehr anzufangen, ist dann ein Sieg.
Dieser Wettbewerb ist nur eine erprobte Methode, wenn es wirklich schnell gehen soll – und doch nicht immer die beste. Es gibt sogar Kontexte, in denen dieser Wettbewerb genau das abwürgt, was wirklich schnell macht: mit den Menschen, mit denen man arbeitet, verbunden zu sein und sich auf sie blind und ohne Worte verlassen zu können. Das macht wirklich schnell.
Auch Transformation findet in Bruchteilen von Zeit statt: Von einem Moment auf den anderen ist etwas plötzlich ganz anders als vorher (Coolspot). Gern auch nach einer längeren Stille.
So betrachtet, heißt Führen, einen Raum zu halten, in dem Zeit vergehen darf und in dem alle sich sicher genug fühlen, um das zu tun, was gerade dran ist. Damit die Zeit wirklich gut genutzt werden kann.

Fendel & Partner